Nun sitze ich heute in Vitorchiano auf meiner Terrasse und lasse die letzten drei Wochen Revue passieren.
Drei Wochen vollgestopft mit Arbeit, Bürokratie, Aufregung und Emotionen. Ein bisschen wie auf Reserve laufen.
Auf der Arbeit war viel zu tun. Ich wollte Dinge abschließen, was nur bedingt funktionierte – ein wenig frustrierend. Und mein Herz vertraute noch nicht darauf, dass es mit der Arbeit in Italien wirklich weitergehen würde. Das hinderte mich daran, mich zurückzulehnen und die Dinge einfach geschehen zu lassen. Ein wenig innere Ruhe kehrte erst ein, als ich meinen Arbeitsplatz leer räumte und der lang erwartete Arbeitsvertrag für Italien unterschrieben auf meinem Tisch lag.
Ein bisschen Knabberei und ein bisschen Sprudel zum Anstoßen mit den Kollegen auf neue Wege. Bekanntes abschließen und nach vorne auf eine neue Perspektive schauen. Bewusst nicht als Abschied gedacht, da die Arbeit ja weiterlaufen sollte. Alles ein bisschen surreal – so, als würde man sich selbst in einem Film beobachten. Alles passiert einfach, läuft einfach so, und ich stand ein wenig neben mir.
Und es gab noch einiges, was wir erledigen mussten …
Die Wohnung in Berlin benötigte noch einige Arbeiten, um sie ohne Einwände endgültig an den Vermieter übergeben zu können.
Eigentlich wollten wir ganz in Ruhe in Italien bei IKEA Rom Gästematratzen und Bettwäsche für die lieben Menschen kaufen, die uns zukünftig besuchen kommen. Daraus wurde dann ungeplant IKEA Berlin.
Warum IKEA Berlin?
Ich hatte alles auf Deutsch bei IKEA Deutschland online herausgesucht und anschließend mit IKEA Italien verglichen. Dabei stellte ich fest, dass IKEA Italien offenbar komplett auf Doppelbetten und eher kleinere Menschen ausgerichtet ist. Nix mit 2,20-m-Bettwäsche und auch nix mit 90 × 200 cm Einzelmatratzen – zumindest nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten.
Also fuhren wir zu IKEA Berlin-Tempelhof, um alles Benötigte zu kaufen beziehungsweise online mit Lieferung an unsere deutsche Übernachtungsadresse in Murnau zu bestellen, da eine Lieferung von IKEA direkt nach Italien nicht möglich ist.
Bei unserem nächsten Besuch in Murnau werden wir die Sachen dort abholen, bevor der erste Übernachtungsbesuch kommt.
Manche Dinge muss man dann eben einfach noch machen, auch wenn die drei Wochen ohnehin schon super vollgestopft sind …
Wir waren in der Fotografiska im ehemaligen Tacheles.


Wir waren wunderbar typisch italienisch frühstücken bei Sironi in der Goltzstraße in Berlin-Schöneberg – so zur Einstimmung auf die italienische Küche.

Wir hatten großen Spaß beim Konzert der B-52’s in der Berliner Zitadelle.
Und wir haben Zeit mit Familie und Freunden verbracht.
Ganz nebenbei musste natürlich auch noch gearbeitet werden.
Doch dann war es so weit: Abmeldung aus Deutschland. – Direkt beim Bürgeramt – war in 5 Minuten erledigt!

Nun wurde das Auto vollgestopft – ein bisschen so, wie man es aus Filmen kennt. Der gesamte hintere Bereich ist bis unter das Dach beladen.
Wir fahren nun zu unserer üblichen Übernachtungsmöglichkeit bei lieben Verwandten in Murnau.

Da die Fahrzeit ab Murnau nur schwer kalkulierbar ist, gönnen wir uns dort einen Tag Auszeit und fahren erst am Sonntag weiter nach Italien, Richtung „neues Zuhause“ Vitorchiano.
Die Fahrt läuft gut. Keine LKWs, relativ wenige Autofahrer mit abgedrehtem Fahrverhalten, kein nennenswerter Stau und wenig Verkehr. Wir fahren die 770 Kilometer in neun Stunden mit einem Stopp für die Vignetten und zwei Pausen und kommen um 18 Uhr in Vitorchiano an. Genau richtig, um noch schnell ein paar Lebensmittel fürs Frühstück einzukaufen – in Italien haben die Supermärkte auch sonntags geöffnet –, alles aus dem Auto auszuladen und einen Tisch für 20 Uhr im Pensavo Peggio zum Abendessen zu reservieren. Das Essen war wie die letzten Male wieder super lecker.
Übrigens bedeutet „pensavo peggio“ soviel wie „„Ich habe es mir schlimmer vorgestellt“.
Anschließend laufen wir zurück zu unserem neuen Zuhause und fallen einfach nur noch ins Bett.
Am ersten Morgen in Vitorchiano gehe ich durch das Haus, öffne alle Fenster und lasse die noch kühle Morgenluft in alle Räume. Der erste Morgen hier ist ein sehr lebendiger Morgen, denn das gesamte Umfeld in Vitorchiano werkelt und arbeitet. Schon seit 6:30 Uhr sind alle beschäftigt, um die Zeit zu nutzen, bevor sich die Mittagshitze ausbreitet. Um 10:00 Uhr ist dann plötzlich still.
Ich kann mich entspannt zurücklehnen, meinen Caffè genießen und den Tag langsam angehen lassen. Ich genieße diesen Start in den Tag ohne Müssen und komme zum ersten Mal wirklich bei mir an.

Am Nachmittag stehen bereits die ersten lieben Menschen, die uns besuchen, vor der Tür.
Gemeinsam verbringen wir zwei schöne Tage unterwegs.
An einem Tag fahren wir nach Orvieto, laufen die 248 Stufen in den knapp 500 Jahre alten Brunnen hinunter und anschließend 249 Stufen wieder hinauf.

Danach geht es bergauf durch die Altstadt zum Aussichtsturm und dann zur Kathedrale.


Am 30. Juni gebe ich in der Gemeinde Vitorchiano meine Wohnsitzerklärung ab.

Die freundliche Dame, die meinen Antrag entgegennimmt, spricht ein bisschen Englisch, was für die notwendigen Erklärungen jedoch nicht ausreicht. Sie springt kurzerhand auf, läuft in den Wartebereich und fragt laut: „Ist hier jemand, der Englisch spricht? Ich muss einer deutschen Dame etwas erklären, die kein Italienisch spricht.“
Sofort kommt eine junge Frau mit ins Büro. Alles wird übersetzt, gescherzt und bearbeitet.
Als ich anschließend aus dem Büro trete, schauen mich alle Wartenden an. Die junge Frau, die übersetzt hatte, fragt mich, wie es mich nach Vitorchiano verschlagen hat. Also erzähle ich die ganze Geschichte. Anschließend wird alles den anderen Wartenden auf Italienisch weitererzählt. Alle freuen sich, ich werde gedrückt und auf beide Wangen geküsst – so, wie sich das in Italien gehört, hat man mir erklärt.
Am 1. Juli habe ich meinen ersten Arbeitstag in 100 % remote in Italien. Alles noch ein bisschen ungewohnt, aber das wird sich entwickeln. Aber das Wichtigste – Internet funktioniert, Login klappt.

Nachdem ich meine Arbeit beendet habe, bleibt noch Zeit für einen gemeinsamen Ausflug mit unserem Besuch zur Villa Lante in Bagnaia. Dort schauen wir uns den wunderbaren Park und die beeindruckenden Fontänen an.

Nachdem unser Besuch sich verabschiedet hat kehrt das erste bisschen Alltag ein: arbeiten, Kisten sortieren, einkaufen, aufräumen, weiter mit der Bürokratie – und dabei Stück für Stück herunterkommen.
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